23.10.2009

Schulsystem/Gesamtschule

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Das dreigliedrige Schulsystem und die Gesamtschule

Ich hatte mich nach bestandener Prüfung 1981 freiwillig zur Gesamtschule gemeldet, als Gymnasiallehrer. Meine Überzeugung war: Das ist die richtige Form, Schule zu machen. Nicht jedem liegen alle Fächer gleich gut. Ein Schüler kann in einem Fach auf Gymnasialniveau und in einem anderen auf Hauptschulniveau lernen. Man kann aufsteigen, absteigen, je nach Leistungsfähigkeit und Entwicklungsstand. Nach fünf Jahren Praxis waren die Zweifel dann größer als die Gewißheiten.

Es gibt Schüler, die sind an der Gesamtschule besser aufgehoben, als dort, wo sie sonst wären: in der Hauptschule. Das ist meistens keine Frage der Intelligenz. Es ist eine Frage der inneren Einstellung zu den eigenen Fähigkeiten. Das Elternhaus spielt eine große Rolle. Wo der Fernseher das größte und wichtigste Möbelstück ist, und wo zwar ein Bücherregal vorhanden ist, aber da stehen nur Videos drin, da kriegt so ein kleines Kindergehirn einfach nicht genug Futter, um groß und stark zu werden.

Ich hatte viele Schüler in dem Zustand. Die fingen mit zwölf, dreizehn, vierzehn Jahren an, sich vom Elternhaus zu lösen, genau wie alle anderen, aber geistig waren sie auf Grundschulniveau stehengeblieben. Ich glaube, sie hatten Defizite in emotionaler und intellektueller Zuwendung. Sie suchten nämlich verstärkt die Beziehung zu Erwachsenen, meistens Lehrern. Es gab Klassen, da stellten sie die Mehrheit. Ihre Klassenlehrer sagten: Die brauchen die Klasse als Ersatzfamilie. Wir Lehrer bogen für sie am Kurssystem der Gesamtschule ein bißchen herum, damit sie möglichst viele Stunden in der Klasse und möglichst wenige Stunden in differenzierten Kursen hatten. Dann fühlten sie sich wohler, waren viel weniger unruhig und lernten besser.

Es gibt andere Schüler, die sind an der Gesamtschule schlechter aufgehoben als dort, wo sie sonst wären: am Gymnasium. Und zwar sind es die Überflieger, denen in der Grundschule alles nur so zufiel, und sie mußten sich nie etwas mühsam erarbeiten. Die machen an der Gesamtschule die Erfahrung: Ach, wenn ich noch ein bißchen weniger kann und leiste, und dann noch ein bißchen weniger, und noch weniger: das wird ja genauso akzeptiert als wenn ich hier schufte ohne Ende. Und dann sind sie gut in den Fächern, die sie natürlicherweise interessieren, aber in den anderen Fächern sacken sie ganz sachte immer weiter ab bis runter zum Boden, bis zur Hauptschul-Vier. Und zum Schluß gehen sie mit einem Realschulabschluß von der Schule. Wären sie gleich zum Gymnasium gegangen, hätten sie Abitur gemacht.

Es gibt aber auch eine ganze Menge Schüler, die kommen in jeder Schulform gut zurecht. Das sind die Tapferen, die Fleißigen und die Ehrgeizigen. Ich weiß jetzt gar nicht, ob das in Wirklichkeit an der Schule die Mehrheit war. Ich glaube ja. Die sind ja immer so unauffällig.

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