17.6.2010

Neues Schulsystem

default

 

Meine Vorstellung von einem heutigen Bildungssystem

Als ehemaliger Lehrer an einer Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe ist mein Vorschlag:

  • eine zweijährige Vorschule, freiwillig aber kostenlos, ab 4 Jahren
  • eine vierjährige Grundschule, für alle verbindlich, ab 6 Jahren
  • eine vierjährige Mittelschule, für alle verbindlich, ab 10 Jahren
  • eine vierjährige Oberschule, für alle verbindlich, ab 14 Jahren
  • ein vierjähriges Kolleg, freiwillig aber kostenlos, ab 18 Jahren
  • Universität, freiwillig und kostenpflichtig, ab 22 Jahren

Alle sechs Einrichtungen müssen räumlich getrennt sein, damit sich die verschiedenen Altersgruppen nicht gegenseitig stören. Zwischen den Altersgruppen gab es nämlich ständig Streit auf dem Pausenhof. Die Großen verjagten zum Beispiel die Kleinen von den Tischtennisplatten. Außerdem muß es für jeden Schüler ein einschneidendes Erlebnis sein, eine Stufe weiterzukommen, nicht nur eine andere Zahl an der Tür.

Die ersten vier Einrichtungen sollten ein kostenloses Mittagessen anbieten. Nach dem gemeinsamen Essen muß es eine freie Zeit geben, in der körperliche Betätigung wie Sport, Spiel, Gesang und Tanz zwar angeboten, aber nicht verbindlich vorgeschrieben werden.

Bis zum Alter von ungefähr zehn Jahren, bevor verstärktes Längenwachstum einsetzt, lernen Kinder, unter freiwilligem Einsatz ihrer eigenen Energie, teilweise mit verbissenem Ehrgeiz, so gut wie alles fast mühelos. Diese Zeit darf nicht mit Spielkram vertan werden. Diese Jahre im Leben bilden die Grundlage für jede weitere Allgemeinbildung. Die Ausrede der Kuschelpädagogik: "Ach das hat noch viel Zeit," ist bestenfalls ein folgenschwerer Irrtum. Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist es ein Verbrechen an den Kindern, sie in dieser Zeit nicht zum Lernen anzuleiten.

In der Vorschule wechselt freies Spiel mit Gruppentätigkeit wie "Show and Tell" oder Basteln. Es sollten die Grundlagen von ein paar Sprachen gelernt werden, aber nicht in Form von Unterricht, ohne Tafel, ohne Fibel und nicht schriftlich, sondern nur durch Praxis, nur durch Sprechen. Dafür müssen Erzieher eingestellt werden, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Außerdem muß kameradschaftliches Verhalten gefordert und auch ständig geübt werden. Es darf keine Gruppen geben, die sich für "was Besseres" halten. Alle sind gleichviel wert.

In der Grundschule muß vor allem Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt werden. Die fremdsprachlichen Fähigkeiten sollten sinnvoll fortgesetzt werden. Es muß aber weniger Grammatik und mehr Praxis gemacht werden. Am Ende der Grundschule sollte zum Beispiel jedes Kind in der Lage sein, Kinderprogrammen im Kabelfernsehen in zwei oder drei Fremdsprachen mühelos zu folgen. Die Rechenfertigkeiten sollten der heutigen Zeit angemessen sein. Schriftliches Multiplizieren und Dividieren muß nicht mehr unbedingt sein, aber das große Einmaleins muß "sitzen". Kein Kind sollte Schwierigkeiten haben, auch ohne Taschenrechner die Preise im Supermarkt zu vergleichen, auch dann, wenn ein Preis in der Einheit "Kilogramm" und der andere in der Einheit "100 Gramm" angegeben ist.

In der Mittelschule, im Alter von 10/11 bis 13/14, in der "schwierigen Zeit", ist das Lernen geistiger Inhalte für die Heranwachsenden so gut wie unmöglich. Alles was in dieser Zeit in den traditionellen Fächern wie zum Beispiel Deutsch, Mathematik, Naturwissenschaften, Geografie oder Sozialkunde gemacht wird, ist vergebliche Liebesmüh, alles für die Katz. Wenn die Schulzeit vorbei ist, haben die Leute praktisch keine Erinnerung, was in dieser Zeit mit so viel Blut, Schweiß und Tränen eigentlich gepaukt worden ist. In der Mittelschule sollte deshalb so weit wie möglich nur praktisch und musisch gearbeitet werden. Den Weitsprung, den Aufschwung am Reck, das Bohren und Feilen, sowie das Häkeln und Stricken, das können sie lernen. Karl den Großen, 30-jährige Kriege, Termumformungen oder französische Vokabeln, das schaffen sie einfach nicht.

In der Oberschule muß Allgemeinbildung vermittelt werden. Die in den siebziger Jahren eingeführte "Hinführung zum wissenschaftlichen Arbeiten" hat sich als vollkommener Irrweg erwiesen. Die Lerninhalte sind daraufhin zu untersuchen, ob sie in der heutigen Zeit tatsächlich dem Anspruch gerecht werden, zur "Allgemeinbildung" zu gehören. Wenn das endlich mal gemacht wird, werden viele altgediente Bäume gefällt werden müssen.

abatz.de Jörn Abatz - Technische Software Impressum